Grundidee
Warum Earnings für Optionen besonders sind
Vor Quartalszahlen wird in den betroffenen Optionen häufig ein besonders großer Move erwartet. Genau deshalb steigen die impliziten Volatilitäten in der Earnings-Laufzeit oft deutlich an. Nach der Veröffentlichung der Zahlen verschwindet dieses Event-Risiko auf einen Schlag, und genau dieser Effekt wird als IV Crush bezeichnet.
Ein Earnings Trade versucht deshalb nicht nur die Richtung zu erraten. Viel wichtiger ist die Frage, ob der tatsächliche Move kleiner oder größer als der vom Markt gepreiste Move ausfällt und wie stark die Volatilität danach zusammenfällt.
Klassische Earnings-Ansätze nutzen dafür oft Calendar Spreads oder Diagonal Spreads, weil dort die teure vordere Earnings-IV gegen eine länger laufende Option gestellt wird. In der Optionist-Praxis kann aber auch ein Iron Fly sehr sinnvoll sein, wenn direkt auf einen begrenzten Move plus IV Crush gesetzt werden soll.
Calendar Spread als klassischer Earnings-Ansatz
Ein typischer Earnings-Calendar nutzt denselben Strike, aber zwei verschiedene Verfallstermine. Verkauft wird die kurze, vom Earnings-Termin aufgeblähte Option. Gekauft wird eine länger laufende Option mit demselben Strike.
- Short Front Month Die nahe Option enthält die teure Earnings-IV.
- Long Back Month Die längere Option bleibt meist stabiler.
- Ziel Die kurze Option soll nach den Zahlen schneller an Wert verlieren.
- Risiko Ein zu großer Kursmove kann den Vorteil des IV-Crushs überfahren.
Für das konkrete Beispiel unten nutze ich dennoch den Iron Fly, weil genau diese Struktur den von dir beschriebenen Event-Trade am direktesten abbildet.
Konkretes Beispiel: Iron Fly um den Expected Move
Zuerst suchen wir eine Aktie mit anstehenden Earnings. Dafür kann die OWS mit dem ITM-CC-Tool gut helfen, weil dort Aktien und ETFs mit laufenden Optionsdaten ohnehin schon systematisch erfasst werden.
Danach schätzen wir den Expected Move ab. Eine sehr praktische Näherung ist: ATM Call Mid + ATM Put Mid = Expected Move. Wenn der Call-Mid zum Beispiel bei 4,20 USD und der Put-Mid bei 3,80 USD liegt, ergibt sich ein erwarteter Move von 8,00 USD.
Für den Earnings-Trade wählen wir typischerweise den ersten Verfallstermin nach den Earnings, also genau die Optionen, die den Bericht enthalten. Dann setzen wir einen Iron Fly auf: Short Call und Short Put am aktuellen Strike und die Wings ungefähr auf den Expected Move.
Genau dieser erste Termin nach den Zahlen trägt meist den größten Teil des Event-Risikos. Spätere Verfälle enthalten den Earnings-Effekt zwar oft auch, aber deutlich verdünnter. Wer den IV Crush direkt handeln will, arbeitet deshalb meistens bewusst nah am ersten Verfall nach dem Bericht.
- Aktie bei 100 USD Das ist unser aktueller Spot.
- Expected Move 8 USD Aus ATM Call Mid 4,20 plus ATM Put Mid 3,80.
- Short 100 Call + Short 100 Put Das bildet das Zentrum des Iron Fly.
- Long 92 Put + Long 108 Call Die Wings liegen ungefähr auf dem Expected Move.
- Ziel Vom IV Crush nach den Earnings profitieren und innerhalb der Wings bleiben.
Der Trade profitiert idealerweise auf zwei Ebenen: erstens vom Volatilitätsrückgang direkt nach den Zahlen und zweitens davon, dass der tatsächliche Kursmove innerhalb der Wings bleibt. Genau deshalb werden die Wings oft ungefähr auf den Expected Move gelegt.
Wichtig ist aber auch die Kehrseite: Wenn der Kurs deutlich außerhalb der Wings schließt, kann der Trade trotz eingetretenem IV Crush verlieren. Der IV-Effekt alleine reicht also nicht, wenn der Earnings-Move zu groß wird.
Genau deshalb werden Earnings-Trades häufig früh geschlossen, sobald der IV-Crush und der erste Preisrückgang der Optionen gearbeitet haben. Wer zu lange auf den kompletten Verfall wartet, tauscht den Event-Edge oft gegen reines Richtungsrisiko ein.
Quellen: Fidelity, Options Around Earnings, Fidelity, Short Iron Butterfly Spread, tastylive, Calendar Spread, Fidelity, Expected Move per ATM Call + Put