Grundidee
Short Premium rund um die Expected Range
Vor Quartalszahlen enthalten die Optionen des betroffenen Verfalls meist eine hohe Event-Prämie. Nach der Veröffentlichung verschwindet ein großer Teil dieser Unsicherheit, wodurch die implizite Volatilität häufig abrupt fällt. Dieser Effekt wird als IV Crush bezeichnet.
Der Earnings Trade wird hier deshalb als Short-Premium-Strategie umgesetzt. Short Strangle und Iron Condor profitieren grundsätzlich von fallender impliziter Volatilität. Entscheidend ist aber, dass der tatsächliche Kursmove die vom Optionsmarkt gepreiste Expected Range nicht deutlich verlässt.
Expected Range und Verfall festlegen
Zuerst suchen wir eine liquide Aktie mit anstehenden Earnings. Dabei kann die OWS mit ihrem Scanner helfen. Verwendet wird typischerweise der erste Verfallstermin nach den Earnings, weil dieser die Event-Prämie am direktesten enthält.
Eine praktische Näherung lautet: ATM Call Mid + ATM Put Mid = Expected Move. Aus diesem Betrag werden die untere und obere Grenze der erwarteten Handelsspanne berechnet.
Die Expected Range sollte möglichst erst innerhalb der letzten zwei Tage vor dem Earnings-Termin abgelesen werden, idealerweise noch näher an der Veröffentlichung. Optionspreise und Event-IV können sich bis dahin noch verändern. Siehe dazu den Expected-Move-Rechner.
- Spotpreis 100 USD.
- Expected Move Call Mid 4,20 USD + Put Mid 3,80 USD = ungefähr 8,00 USD.
- Untere Grenze 100 - 8 = 92 USD.
- Obere Grenze 100 + 8 = 108 USD.
- Expected Range 92 bis 108 USD.
Der Short Put wird an der unteren Grenze und der Short Call an der oberen Grenze platziert. Die Spanne zwischen den beiden Short Strikes bildet damit die Expected Range ab. Da nicht jeder errechnete Strike handelbar ist, wird auf liquide verfügbare Strikes gerundet.
Variante 1: Short Strangle
Der Short Strangle verkauft im selben Verfall einen 92 Put und einen 108 Call. Bleibt die Aktie bis zum Schließen des Trades zwischen den beiden Strikes und fällt die IV nach den Zahlen, verlieren beide Optionen idealerweise schnell an Wert.
- Leg 1 Short 92 Put.
- Leg 2 Short 108 Call.
- Maximaler Gewinn Die vereinnahmte Nettoprämie.
- Break-even unten Short-Put-Strike minus Nettoprämie.
- Break-even oben Short-Call-Strike plus Nettoprämie.
Der Short Strangle besitzt kein definiertes Maximalrisiko: Nach unten ist der Verlust sehr groß, nach oben theoretisch unbegrenzt. Marginbedarf, Positionsgröße und Assignment-Risiko müssen deshalb vor dem Einstieg eindeutig geklärt sein.
Variante 2: Iron Condor mit begrenztem Risiko
Der Iron Condor ergänzt den Short Strangle um zwei weiter außen liegende Long Optionen. Die Short Strikes bleiben bei 92 und 108 USD und markieren weiterhin die Expected Range. Die Long Wings bei 88 und 112 USD begrenzen dagegen das maximale Risiko.
- Leg 1 Long 88 Put.
- Leg 2 Short 92 Put.
- Leg 3 Short 108 Call.
- Leg 4 Long 112 Call.
- Maximaler Gewinn Nettoprämie, wenn der Kurs zwischen 92 und 108 USD bleibt.
- Maximaler Verlust Wing-Breite von 4 USD minus Nettoprämie, multipliziert mit 100.
Iron Condor: Expected Range ist nicht Break-even
- Long Put 88 / Short Put 92
- Short Call 108 / Long Call 112
Der Iron Condor nimmt gegenüber dem Short Strangle weniger Prämie ein, dafür sind Risiko und Marginbedarf klar begrenzt. Beide Varianten sind negativ Vega und profitieren vom IV Crush. Ein Kursmove außerhalb der Expected Range kann diesen Vorteil jedoch schnell überkompensieren.
Der Trade wird daher oft kurz nach den Zahlen geschlossen, sobald der IV Crush gearbeitet hat. Bis zum Verfall zu warten erhöht Gamma- und Assignment-Risiken, ohne dass die ursprüngliche Event-Idee zwingend noch besteht.